Neue Krebsversicherung: Harte Kritik von Verbraucherschützern

Das Berliner Start-up „Getsurance” hat eine Versicherung im Angebot, die im Falle einer Krebserkrankung zahlt. Doch nun werden Stimmen laut, die behaupten, hier werde Geld mit den Ängsten der Bürger verdient. Was taugt das Angebot tatsächlich und lässt es sich moralisch vertreten?

Anzeigen schüren Panik

Eine Anzeige von Getsurance zeigt eine Frau, die hinter einer Scheibe mit traurigem Gesichtsausdruck in die Ferne schaut. Auf ihrem Arm sitzt ein kleines Mädchen, Regentropfen laufen die Scheibe hinunter. Der aussagekräftige Schriftzug der Anzeige lautet „Bei Krebs droht Geldnot“ und „Sorge rechtzeitig vor“. Damit ist der Abschluss einer passenden Versicherung gemeint, der Krebsversicherung bei Getsurance. Das Angebot soll die finanzielle Belastung im Falle einer Krebserkrankung abfangen. Bis zu 100.000 Euro zahlt die Versicherung, wenn der Versicherte selbst oder eines seiner Kinder die Diagnose Krebs erhält. Doch es gibt bereits hier Einschränkungen: Ältere Patienten können sich nur bis höchstens 50.000 Euro versichern.

Viele Personengruppen ziehen den Kürzeren

Dem Tagesspiegel zufolge machen Verbraucherschützer ihrem Ärger nun Luft. Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz meint, dies sei ein „Geschäft mit der Angst“ und „reine Geldmacherei“. In zahlreichen Fällen würde die Versicherung erst gar nicht greifen, beispielsweise bei gutartigen Tumoren oder Vorstufen von Krebs. Diese sind nicht abgedeckt. Auch Menschen, die innerhalb des letzten Jahrzehnts einen Tumor hatten, können sich nicht versichern, selbst wenn es sich um gewöhnlichen Hautkrebs gehandelt hat. Bei schwarzem Hautkrebs greift die Versicherung außerdem erst, wenn die operierte Stelle eine Größe von zwei Millimetern übersteigt. Bei Leukämie wird nur dann gezahlt, wenn die dadurch entstehende Blutarmut Krankheitssymptome auslöst.
Darüber hinaus gäbe es Wartezeiten von sechs Monaten und die versprochene Einmalzahlung ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, bedenkt man den langfristigen Verdienstausfall, der im Falle einer Krebserkrankung oftmals droht. Laut dem Bund der Versicherten sei es ein Irrsinn eine Versicherung abzuschließen, die nur für eine gewisse Krankheit gilt. Krebs sei zudem nur für 15 Prozent der Berufsunfähigkeiten verantwortlich. Verbraucherschützer legen daher nahe, eher eine Berufsunfähigkeits- als eine Krebsversicherung abzuschließen, denn diese zahlt immer, wenn man auf Grund einer Erkrankung (egal welcher) nicht mehr arbeiten kann.

Statement der Versicherung

Der Gründer und Geschäftsführer von Getsurance, Johannes Becher, wies die Vorwürfe zurück und gab an, dass sich viele Menschen auf Grund von Vorerkrankungen oder als riskant eingestuften Berufen keine Berufsunfähigkeitsversicherung leisten können. Dann sei es besser, sich auf andere Weise abzusichern und Krebs sei immerhin eine der häufigsten Krankheiten.
Und damit hat Becher Recht, denn Experten zufolge werden alleine 2020 rund 500.000 Menschen neu an Krebs erkranken – eine schockierende Prognose. Ältere Personen sind dabei öfter betroffen als junge. Meist ist eine derartige Diagnose zwar angsteinflößend, sie gleicht in vielen Fällen aber nicht unbedingt einem Todesurteil. Aktuell nimmt die durchschnittliche Lebenserwartung von Krebspatienten zu. Während im Jahr 1980 noch über zwei Drittel ihr Leben an die Krankheit verloren, sind es dem Deutschen Krebsforschungszentrum zufolge heutzutage „nur“ noch etwas mehr als die Hälfte.
Getsurance verspricht Krebspatienten rasche Unterstützung, eine Zahlung soll umgehend erfolgen, sobald ein Attest des Facharztes eingereicht wurde, sowie eine Bescheinigung der Krankenkasse über die Behandlungen innerhalb der letzten 18 Monate. Diese Vorgehensweise soll garantieren, dass der Kunde bei Versicherungsabschluss noch nicht mit Krebs diagnostiziert wurde.

Versicherungsbeitrag

Getsurance gibt an, dass die Krebsversicherung bereits für 9,95 Euro monatlich abgeschlossen werden kann. In den meisten Fällen kommt es Becher zufolge jedoch zu Beiträgen zwischen 15 und 20 Euro im Monat. Doch Beispielfälle decken auf, dass ein 24-Jähriger bereits 28 Euro monatlich hinblättern muss, um sich für 100.000 Euro zu versichern. Bei einem 58-Jährigen sind es sogar stolze 40,99 Euro im Monat für eine Police von 50.000 Euro.
 
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Das sind die Alternativen

Neben der empfohlenen Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es auch eine sogenannte Dread-Disease-Police, bei der eine Vielzahl schwerer Erkrankungen miteingeschlossen ist. Damit ist man also nicht nur im Krebsfall abgesichert. Von dieser Art Versicherung gibt es verschiedene Modelle, beispielsweise von Cosmos Direkt im Rahmen teurerer Risikolebensversicherungen oder von der Dialog Lebensversicherung. Zu diesen kann die Police hinzugefügt werden. Im Fall der inkludierten Krankheiten bekommen Kunden dann die vereinbarte Summe ausbezahlt, egal ob die Krankheit auch zur Berufsunfähigkeit führt oder nicht. Darüber hinaus bietet der Marktführer Allianz eine Körperschutzpolice an, bei der Kunden eine monatliche Rente ausbezahlt bekommen, sobald sie durch Krankheiten oder Unfälle nicht mehr sitzen, gehen, heben, schreiben, hören oder sehen können. Patienten, die beispielsweise einen Schlaganfall, Krebs, einen Herzinfarkt oder multiple Sklerose bekommen, ins Koma fallen oder querschnittsgelähmt werden, erhalten eine einmalige Zahlung von bis zu 60.000 Euro. Gezahlt wird allerdings erst nach vier Wochen. Wenn der Versicherte vorher verstirbt, muss die Versicherung für nichts mehr aufkommen.
Dies ist allerdings nicht überall so der Fall. Die Berliner Ideal-Versicherung hat zum Beispiel bereits auf die Kritik von Verbraucherschützern reagiert und macht es nun anders: Sie zahlt auch, wenn der Versicherte vorher verstorben ist. Bei dem Versicherungsunternehmen konnte früher ebenfalls eine Krebsversicherung abgeschlossen werden, doch musste sich mit seinem „Krebs-Airbag“ heftigen Vorwürfen seitens der Verbraucherschützer stellen. Seit dem März 2019 wird diese Versicherung deshalb nicht mehr angeboten und wurde stattdessen von der Dread-Disease-Police „Total Protect“ ersetzt, welche alle chronischen schweren Erkrankungen abdeckt.

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