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Body Positivity: Wie positiv darf Übergewicht sein?

von Elisabeth Rabl Posted on 08.09.2020 16:0008.09.2020 14:12

Ist Body Positivity die Lösung des Schönheitswahn(sinn)s? Dickere und fettleibige Körper sollen genauso akzeptiert werden wie ranke und schlanke, sagt dieses Konzept. Doch das neue Ideal von „Alle Körper sind schön“ erntet auch Kritik. Experten warnen davor, die gesundheitlichen Risiken von Übergewicht zu verschleiern. Wie positiv darf Übergewicht sein?

Was Body Positivity bedeutet

Body Positivity ist eine soziale Bewegung, die ihren Ursprung in den 1960ern in den USA hat. Zu Beginn ging es dabei darum, alle Körper zu akzeptieren und gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen, die gewisse Personen deshalb (unbewusst) benachteiligten. Egal ob übergewichtig, im Rollstuhl, androgyn, dunkelhäutig oder mit Sommersprossen übersäht – niemand sollte wegen seines Aussehens diskriminiert werden.
Heute wird Body Positivity vor allem damit in Verbindung gebracht, dass man nicht Size Zero haben muss, um schön zu sein. Immer mehr Modelagenturen nehmen kurvige Models unter Vertrag, das Kleidungsangebot für größere Größen steigt und auch in der Werbung und in sozialen Medien sind übergewichtige Personen immer besser repräsentiert. Doch Experten stehen dem Trend auch kritisch gegenüber. Denn nicht alle körperlichen „Makel“ sollten unreflektiert gefeiert werden; manche können auch die Gesundheit gefährden.

Menschen sehen ihr Übergewicht nicht

Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) in der Bevölkerung nehmen von Jahr zu Jahr zu. Sollten gegenwärtige Trends anhalten, dann wird 2025 weltweit jeder fünfte Erwachsene übergewichtig sein. Die Gründe dafür liegen in falscher Ernährung, Bewegungsmangel, aber auch Vererbung und dem Einfluss von Familie und sozialem Umfeld. Eine britische Studie analysierte die Eigenwahrnehmung von übergewichtigen Personen (BMI ≥ 25) bezüglich ihres Körpergewichts. Dabei zeigte sich, dass 2015 vergleichsweise mehr Menschen ihr Gewicht falsch einschätzten als noch 1997. Vor allem Personen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status unterschätzten ihr Körpergewicht. 85 Prozent davon gaben außerdem an, nicht vorzuhaben, abzunehmen. Eine mögliche Ursache für das offenbar fehlende Bewusstsein des eigenen Übergewichts sahen die Forschenden in der Normalisierung von großen Körpern – genau das, was die Bewegung der Body Positivity eben promoviert.

Dünner heißt nicht gleich gesünder

Tatsächlich muss das Körpergewicht aber differenzierter betrachtet werden. Ein paar Kilo mehr bedeuten nicht gleich, dass die Person auch eine schlechtere Gesundheit hat. Denn der Body-Masss-Index (BMI) berücksichtigt nicht die individuelle Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe. Jemand, der viel Sport macht, könnte also laut BMI übergewichtig sein – was aber keineswegs heißt, dass damit ein Gesundheitsrisiko einhergeht. Eine schlanke Person mit Normalgewicht, die wenig Sport macht und sich einseitig ernährt, ist mitunter anfälliger für gesundheitliche Probleme.
Der BMI als Indikator für gesundheitliche Risiken gibt also Orientierung, sollte aber nicht als einziger Faktor herangezogen werden. Starkes Übergewicht, also Fettleibigkeit, hat natürlich schwerwiegende gesundheitliche Folgen. So etwa ein erhöhtes Risiko für Herz-Krankheiten, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und sogar für manche Krebsarten. Und hier kann Body Positivity, also die Akzeptanz von großen Körpern als “gut, so wie sie sind”, tatsächlich zum Problem werden.

Body Positivity und mentale Gesundheit

Für viele Frauen (denn es sind besonders Frauen, die unter dem schlanken Ideal leiden) hat die Bewegung zu einem besseren Selbstwertgefühl geführt. Sie hat ihnen gezeigt, dass ihr Körper in Ordnung ist und akzeptiert wird, auch ohne 90-60-90-Maße. Das ist ein sehr wichtiger Schritt und hat für die Psyche große Bedeutung. „Alle Körper sind schön“ muss man jedoch genauso reflektiert betrachten wie jedes andere Schönheitsideal. Wichtig ist ein Bewusstsein dafür, was dem Körper guttut und ob er gesund ist, so, wie er ist.
Bei der Gesundheit sowie Schönheit sollte es weniger darum gehen, sich zu fragen „Wie sehe ich aus?“, sondern vielmehr „Wie fühle ich mich?“. Denn Übergewicht ist nicht immer gut. Genauso wie Schlankheit nicht immer gut ist. Dies gilt auch für die mentale Gesundheit, meinen Experten. Schließlich sollten sich sowohl Frauen als auch Männer nicht ausschließlich über ihr Äußeres definieren, sondern das Selbstwertgefühl auch aus anderen Quellen beziehen: ihren Fähigkeiten, Werten oder erreichten Zielen. Dieses neue Konzept der „Body Neutrality“ kann helfen, Ängste und Unsicherheiten bezüglich des Aussehens zu überwinden und mentalen Stress zu reduzieren. Denn Schönheit sollte letztendlich nicht im Auge, sondern im Gefühl des Betrachters und der Betrachterin liegen.

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