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Multiple Sklerose: Ist die Autoimmunerkrankung eine Spätfolge des Epstein-Barr-Virus?

von Katya Müller Posted on 18.01.2022 06:0717.01.2022 10:15

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Autoimmunreaktionen bedingt ist. Betroffen sind in Deutschland etwa 200.000 Menschen. Doch wieso, das war der Forschung bisher ein Rätsel. Neue Erkenntnisse bringt eine US-amerikanische Studie: So könnte die Ursache für eine MS-Erkrankung eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus sein.

Ein Virus, viele Folgen?

Das Epstein-Barr-Virus (EBV), welches das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen kann, tragen die meisten von uns in uns. 95 Prozent aller Menschen stecken sich bereits als Kind mit dem zu den Herpesviren gehörenden Erreger an. Danach bleibt das Virus den Rest des Lebens im Körper, meist ohne Symptome zu verursachen. Jedoch vermuten Mediziner und Wissenschaftler, dass EBV nicht so unschuldig ist, wie es zunächst scheint: Es wird gemutmaßt, dass es für eine Reihe von Autoimmunerkrankungen verantwortlich ist, etwa das Chronische Fatigue-Syndrom, entzündliche Rheumaformen und eventuell sogar Long Covid. Und nun gibt es auch Hinweise darauf, dass das Virus in Zusammenhang mit dem Auftreten von MS stehen könnte.

Zusammenhang zwischen MS und EBV-Status untersucht

Um den möglichen Zusammenhang zu untersuchen, führte ein Forschungsteam der Harvard University unter der Leitung von Kjetil Bjornevik eine der bisher größten Studien zu diesem Thema durch. Da Angehörigen des US-Militärs für Routineuntersuchungen regelmäßig Blut abgenommen wird, bieten diese Daten eine ideale Studiengrundlage. So verglichen die Forschenden 801 MS-Patienten und 1.566 Kontrollpersonen unter anderem auf ihren EBV-Infektionsstatus und die Antikörper. „Das nächstbeste nach einer klinischen Studie ist es, die Häufigkeit von MS in einer Kohorte von EBV-negativen Individuen zu untersuchen, von denen sich einige im Laufe der Studienzeit mit EBV infizieren und andere nicht“, erklären Bjornevik und sein Team.

Größter bisher gefundener Risikofaktor

Das Problem sei, EBV-negative Personen zu finden, da die Prävalenz des Herpesvirus in der Bevölkerung so hoch ist. Trotzdem gaben die Daten einiges her: Von den 801 untersuchten MS-Patienten trugen 800 das Epstein-Barr-Virus in sich. In der Kontrollgruppe war der Anteil ebenfalls hoch. Allerdings gab es 142 Teilnehmende, von denen frühe Blutproben, die noch am Anfang ihrer Dienstzeit entnommen wurden, negativ auf das Virus waren. So konnten die Forschenden berechnen, wie eine EBV-Infektion die Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken, beeinflusste. Das Ergebnis war eindeutig, berichtet das Forschungsteam: „Das Risiko für eine MS stieg nach einer Infektion mit EBV um das 32-Fache. Kein anderer bisher bekannter oder vermuteter Risikofaktor für MS zeigt eine so starke Assoziation.“

MS-Patienten haben mehr Antikörper gegen EBV

Des Weiteren boten die Antikörperwerte der Probanden einen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen EBV und der Nervenerkrankung: Sowohl vor Ausbruch der MS sowie später hatten MS-Patienten signifikant höhere Titer als Probanden ohne MS. Dies spricht laut Bjornevik und seinem Team klar für einen Zusammenhang zwischen dem Herpesvirus und der Autoimmunerkrankung. „Die Hypothese von EBV als Auslöser der Multiplen Sklerose wird schon seit mehreren Jahren erforscht, aber unsere Studie ist die erste, die überzeugende Belege für eine Kausalität liefert“, erklärt Co-Autor Alberto Ascherio.

Ergebnisse sorgen für Aufsehen

Die Studie, die im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht wurde, sorgt auch bei der restlichen Wissenschaftswelt für Aufsehen. So äußert sich etwa Neurologe Klemens Ruprecht von der Charité in Berlin: „Die aktuelle Arbeit liefert weitere überzeugende Argumente dafür, dass der Zusammenhang zwischen EBV und MS tatsächlich kausal ist, das heißt, dass eine MS praktisch nie ohne eine vorherige EBV-Infektion entsteht.“ Allerdings bedeute dies nicht, dass jeder mit dem Virus Infizierte auch MS bekomme. „Man kann die MS vielmehr als eine seltene Spätkomplikation einer EBV-Infektion ansehen“, erklärt Ruprecht. Und auch William Robinson und Lawrence Steinman von der Stanford University kommentieren die Ergebnisse: „Die Infektion mit EBV ist wahrscheinlich notwendig, aber für sich allein nicht ausreichend, um die Multiple Sklerose auszulösen“, schreiben sie. „Die Ansteckung mit dem Virus ist zwar der erste Schritt im Krankheitsprozess, dann müssen aber zusätzliche Faktoren hinzukommen, um die Erkrankung voll ausbrechen zu lassen.“

Mechanismus des Zusammenhangs noch unbekannt

Nun fehle noch das Verständnis des Mechanismus, mit der das EBV die Entwicklung der Multiplen Sklerose fördert, erklärt Ruprecht. „Die zentrale Frage lautet somit nicht ob, sondern wie EBV an der Entwicklung einer MS beteiligt ist.“ Weiterhin bemerkt der Charité-Forscher: „Es gibt zwar zurzeit keine Möglichkeit, eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus zu verhindern. Aber ein künftiger EBV-Impfstoff oder ein antivirales Mittel gegen EBV könnten MS-Fälle vermeiden oder vielleicht sogar zur Entdeckung eines Heilmittels für Multiple Sklerose führen.“

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