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Disease Interception: Wie Krankheiten noch vor dem Ausbruch verhindert werden können

von Adriana Schellander Posted on 11.07.2021 11:4809.07.2021 13:39

Ein gesundes Leben bis ins hohe Alter – diese Vorstellung wurde lange Zeit von Medizinern eher als utopisch als realitätsnah eingestuft. Ein neuer medizinischer Ansatz setzt sich diesen Idealzustand nun allerdings zum Ziel.

Krankheitsprävention durch vorzeitige Therapie

Viele Menschen wenden sich erst an einen Arzt, wenn sie unter gewissen Symptomen leiden. Ab diesem Zeitpunkt sind viele Krankheiten allerdings bereits weit fortgeschritten und ernste Folgen sind unabwendbar. Das Konzept der Disease Interception möchte viel früher einschreiten, um den pathogenen Prozess frühzeitig abzuwenden. Ein potenzieller Krankheitsverlauf soll dafür mittels relevanter Biomarker schon vor dem Ausbruch festgestellt werden. Mittels medikamentöser Intervention oder anderer therapeutischer Maßnahmen sollen Krankheitsprozesse noch vor dem Auftreten von Symptomen aufgehalten, verzögert oder im besten Fall sogar umgekehrt werden. In erster Linie richtet sich dieses medizinische Konzept an Personen, die aufgrund von genetischer Veranlagung oder Umwelteinflüssen einem hohen Erkrankungsrisiko ausgesetzt sind. Vor allem unheilbare Erkrankungen wie Alzheimer oder bestimmte Krebsarten, welche sich über einen langen Zeitraum entwickeln, sollen durch frühzeitiges Erkennen von bestimmten Merkmalen abgewehrt werden.

Zahlt die Krankenkasse?

Aktuell wird Disease Interception gesetzlich nicht ausdrücklich adressiert. Die derzeitige Regelung sieht vor, dass eine Erkrankung vorhanden sein muss, damit ein medizinischer Eingriff von der Krankenkasse übernommen werden kann. Ob ein Erkrankungsrisiko rechtlich einer Krankheit gleichzusetzen ist, ist derzeit noch unklar. Damit Versicherte einen einheitlichen und flächendeckenden Zugang zur Disease Interception erhalten, ist die Implementierung gesonderter gesetzlicher Regelungen erstrebenswert.

Die Rolle künstlicher Intelligenz

Dank umfangreicher Datenanalysen können die Angaben zahlreicher Patienten genauer untersucht und Früherkennungsmerkmale bei zahlreichen Krankheiten entdeckt werden. Eine künstliche Intelligenz ist darauf ausgerichtet, Veränderungen oder Indikatoren festzustellen, die einem bestimmten Krankheitsbild entsprechen. Dadurch liefert sie wichtige Informationen an Ärzte, um rechtzeitig geeignete Therapiemaßnahmen für den jeweiligen Patienten zu finden. Trotz des technischen Fortschrittes ist weiterhin die Kompetenz von Ärzten gefragt, denn eine erfolgreiche Behandlung erfordert eine korrekte Interpretation der Daten und einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen.

Aufklärung um jeden Preis?

Bei diesem medizinischen Konzept ist es notwendig sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Menschen mit dem Wissen über ihr erhöhtes Krankheitspotenzial umgehen. Die Reaktionen sind durchaus ambivalent. Gewisse Patienten nehmen die frühzeitige Information über ihr Erkrankungsrisiko als Chance wahr, einen potenziell schwerwiegenden Krankheitsverlauf zu vermeiden. Sie sind erleichtert über vorzeitige Behandlungsmöglichkeiten und nehmen medizinische Beratung bereitwillig in Anspruch. Allerdings kann sich die Einstufung als Risikopatient für viele Menschen als schockierendes Erlebnis herausstellen. Betroffene empfinden häufig ein Gefühl der Machtlosigkeit in Anbetracht der ärztlichen Einschätzung. Die Risikoinformation wird als konkrete gesundheitliche Bedrohung wahrgenommen. Betroffene Patienten sehen sich selbst nicht mehr als gesunde Menschen, sondern betrachten sich bereits als Erkrankte – trotz Mangels jeglicher Symptome. Diese Einstellung kann die Lebensqualität der Menschen maßgeblich beeinträchtigen und führt dazu, dass sie den Alltag nicht mehr mit der vorherigen Leichtigkeit bestreiten können. In der humangenetischen Beratung sollte deshalb ebenfalls das Recht auf Nichtwissen berücksichtigt werden. Insbesondere bei unheilbaren Erkrankungen empfinden sich manche Personen angesichts einer vollständigen medizinischen Aufklärung über ihre Risiken einer unbeschwerten Zukunft beraubt. Vor allem bei Krankheiten, deren Verlauf therapeutisch schwer beeinflussbar ist, wird deswegen ein sensibler Umgang mit diesen Informationen nahegelegt, bei dem die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten im Vordergrund stehen.

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