Nierenwerte können als Prognose von Covid-19-Verlauf dienen

Als die Coronakrise ihren Anfang nahm, wurde SARS-CoV-2 oftmals als Atemwegsvirus bezeichnet. Mittlerweile haben diverse wissenschaftliche Studien jedoch offengelegt, dass der Erreger keinesfalls nur die Atemwege befällt. Unter dem „Multiorganvirus“ leiden viele Organe, darunter auch die Nieren. Laut Experten könnten die Nierenwerte daher als Seismograf für den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung genutzt werden.

Nierenparameter können Verlauf von Covid-19 anzeigen

Eine „Correspondence“ stellte kürzlich die auf ersten Daten beruhende Hypothese auf, dass einfache Nierenwerte den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung prognostizieren können. Die Ergebnisse wurden in dem renommierten Fachjournal „The Lancet“ vorgestellt. Darüber berichtete die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie e.V. (DGfN).
Der DGfN zufolge wurde bereits eine Untersuchung zur Überprüfung der ersten Daten in die Wege geleitet. Werden die Ergebnisse bestätigt, so hätte dies unter anderem therapeutische Folgen und könnte speziell Covid-19-Risikopatienten zugutekommen. Damit spielt die Nephrologie eine wichtige Rolle bei der Erforschung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2. Eine rechtzeitige prophylaktische Therapie mithilfe der Nierenwerte könnte Leben retten. Die Forscher hoffen darauf, dass die Resultate vor der angekündigten zweiten Infektionswelle zum Herbst/Winter verfügbar sind.

Mehr Menschen sterben

Wie die DGfN erläutert weisen mehrere Forschungsarbeiten darauf hin, dass bei Covid-19-Patienten oftmals schon im Anfangsstadium der Erkrankung die Nieren in Mitleidenschaft gezogen werden. In diesem Zusammenhang kommt es häufig zu einer Albuminurie und/oder Hämaturie.
Einer chinesischen Studie zufolge reduziert die Nierenbeteiligung bei Covid-19-Patienten die Überlebenswahrscheinlichkeit drastisch. Die Mortalität steigt um den Faktor 10 (1,25 Prozent der Erkrankten starben ohne Nierenbeteiligung vs. 11,2 Prozent der Erkrankten mit Nierenbeteiligung). Die Untersuchung wurde Ende April in dem Fachblatt „JASN“ (Journal of the American Society of Nephrology) vorgestellt.

Drei Kernparameter kündigen die Gefahr an

Eine andere Forschungsarbeit zeigte akutes Nierenversagen (AKI) lediglich als unabhängigen Prädiktor für die Mortalität an. Offenbar sind jedoch bereits frühzeitige Anzeichen einer Nierenbeteiligung wie Eiweißverlust im Urin, Eiweißverringerung im Blut und Verlust von Antithrombin III von prognostischer Bedeutung. Bei diesen drei Parameter handelt es sich auch um die Kernparameter zur Risikoeinschätzung. Schon zwei dieser drei Werte erhöhen die Gefahr der Patienten intensivpflichtig zu werden.
Nephrologische Forscher von der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) nutzten dieses Wissen und kreierten einen Therapiepfad, um mithilfe der Nierenwerte Covid-19-Risikopatienten zu identifizieren, deren Erkrankungsverlauf schwerwiegend sein würde. Auf diese Weise konnten die Betroffenen früh intensiver Behandlung unterzogen werden.
Ebendieser Handlungspfad erschien Anfang Mai im Fachjournal „The Lancet“ als Correspondence. Darüber hinaus hat eine große Beobachtungsstudie begonnen, an der mehrere Universitätskliniken mitwirken.

Sofortige Kontrolle der Nierenwerte bei Diagnose

Das neue Wissen bringt ebenfalls therapeutische Anpassungen mit sich. Ein Eiweißmangel im Blut kann eine sogenannte „Wasserlunge“ hervorrufen, zu wenig Antithrombin-III kann Thromb- oder Lungenembolien verursachen. Beide Krankheitsbilder sind lebensgefährlich.
Anhand einer prophylaktischen Therapie könnten diese zwei Komplikationen, an denen zahlreiche Covid-19-Fälle sterben, verhindert und bekämpft werden. Dies kann den Studienautoren zufolge durch eine Entwässerungstherapie oder eine intensivierte Antikoagulation erfolgen. Die Nierenwerte müssen dafür allerdings unbedingt sofort bei der Diagnose von Covid-19 ermittelt werden.

Risikopatienten entwickeln Beschwerden aus dem Nichts

Aktuell erfolge Prof. Dr. Julia Weinmann-Menke zufolge lediglich eine Abstrichentnahme und Anamneseerhebung, plus eventuell eine Auskultation. Hat der Patient zu diesem Zeitpunkt (noch) keine Beschwerden, wird er nach Hause geschickt – selbst wenn das Ergebnis positiv ist, soll der Patient abwarten bis sich Beschwerden einstellen. Beschwerden treten allerdings insbesondere bei Patienten mit schwerem Verlauf oftmals innerhalb kürzester Zeit ein und können rasch ernst werden. Der Pressesprecherin der DGfN zufolge werde gerade bei diesen Personen der Zeitraum für eine frühzeitige Intervention häufig verpasst.
 
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Viele Menschen können vor dem Tod bewahrt werden

Die DGfN spricht sich für die Nutzung der drei Nierenwerte für eine rechtzeitige Prognose des Covid-19-Verlaufs aus. Sie fordert die Parameter in die Covid-19-Basisdiagnostik zu integrieren sobald die neue Studie diese validiert hat. Die Diagnostik der Nierenparameter ist zudem wenig aufwändig und kostensparend. Laut Prof. Weinmann-Menke hoffe man auf eine rasche Durchführung und Auswertung der Ergebnisse noch vor der zweiten großen Infektionswelle, welche Virologen für kommenden Herbst vorhergesagt haben.
Die Personen, deren Nierenwerte unverändert sind, könnten in Ruhe abwarten und Covid-19 zuhause auskurieren. Andere könnten wiederum streng beobachtet und prophylaktisch therapiert werden – lange bevor es überhaupt zu Organversagen kommen kann. Mithilfe dieser Vorgehensweise könnten laut der DGfN-Pressesprecherin viele Menschenleben gerettet werden.

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