Schlagen und Schreien: Schlafstörung als Vorbote für Parkinson


Keine Erinnerung daran, aber trotzdem ist es wahr. Betroffene, die an der seltenen REM-Schlafstörung leiden, schlagen und schreien im Schlaf, ohne sich am nächsten Tag daran erinnern zu können. Dabei können die betroffenen Personen gefährlich für sich selbst und ihre Partner werden. Diese besondere Schlafstörung gilt als Vorbote für eine Parkinsonkrankheit.

Nach dem Einschlafen beginnt eine besondere Schlafphase, die Traumphase. Der Schlafende liegt entspannt in seinem Bett. Seine Augen hingegen bewegen sich stark. Unter den geschlossenen Lidern sieht man das Auge sich ruckartig hin und her bewegen. Diese Phase nennt man auch „Rapid Eye Movement“ (REM). Das Besondere an dieser Schlafphase ist, dass die Körpermuskulatur vollkommen gelähmt ist. Wenn wir träumen, dass wir vor etwas davon laufen, liegen wir dennoch ruhig in unserem Bett. Ist diese Phase aber gestört, nennt man das RBD, also „REM sleep behavior disorder“, eine REM-Schlafverhaltensstörung. Somit bewegen sich die Betroffenen und reagieren auf das, was sie im Traum erleben.

 

Schwere Verletzungen und sogar Mord sind Folgen

Nur selten nimmt die Störung ein solch dramatisches Ende wie in England im Juli 2008, als Brian Thomas neben seiner toten Ehefrau aufwachte, seine Hände dabei fest um den Hals der Frau gelegt. Das Gericht sprach ihn von der Mordanklage frei, da die Gerichtsgutachter feststellten, dass er an einer chronischen Schlafstörung leidet. Weniger folgenschwere Vorfälle passieren jedoch öfter. „Dass Ehepartner morgens mit einem blauen Auge erwachen oder sogar gewürgt werden, kommt durchaus vor“, sagt Wolfgang Oertel, ehemaliger Direktor der Klinik für Neurologie an der Phillipps-Universität Marburg und Forschungsprofessor Neurowissenschaften der Hertie-Stiftung. Personen, die an RBD leiden, leben demnach ihre Träume regelrecht aus. Betroffene reden, schlagen und bewegen sich im Schlaf. Hervorgerufen werden diese Verhaltensweisen oft durch aggressive und gewalttätige Träume. Die Erkrankten erleben diese Träume so intensiv, dass sie als real empfunden werden. Durch die aufgehobene Muskelerschlaffung ist es für sie möglich, auf das Erlebte zu reagieren. Vor allem bei Männern wird diese REM-Störung auffällig. „Frauen könnten aber genauso häufig betroffen sein, nur wissen wir das nicht, weil sie im Traum weniger aggressiv agieren“, so Oertel. „Die meist kurzen Traum-Episoden können ab 90 Minuten nach dem Einschlafen bis zum Erwachen auftreten, mehrmals pro Nacht oder auch nur einmal innerhalb weniger Wochen.“

 

RBD-Störung als Vorbote für Parkinson

In einer Studie aus dem Jahr 1991 haben Forscher aus Barcelona begonnen, den Krankheitsverlauf von 44 Patienten, die an der REM-Schlafstörung litten, zu beobachten. Das Ergebnis wurde 2013 im Fachjournal „Lancet Neurology“ veröffentlicht. Darin wurde erläutert, dass bis 2005 rund 70 Prozent an Parkinson oder der Lewy-Körperchen-Demenz erkrankten. Sieben Jahre später waren bereits 36 Prozent von einer der beiden Störungen betroffen. Bei ca. 80 Prozent ist die RBD-Störung der Vorbote für eine später Parkinson-Krankheit. „Bei 80 Prozent der Betroffenen stellen sich zehn bis zwanzig Jahre nach dem Auftreten der Schlafstörung die typischen Parkinson-Syptome wie eine verlangsamte Bewegung ein“, sagt Oertel. Andere Erkennungszeichen können die Veränderung des Riechvermögens und des Farbsehens sein.

 

Hirnstamm und Dopamin-Spiegel schuld an Parkinson

Der Grund für diese Veränderung liegt im Hirnstamm, der auch für die Blockierung von Bewegungen im Schlaf zuständig ist. „Bei RBD-Patienten ist diese Vorsichtsmaßnahme des Körpers aufgrund einer Schädigung einer kleinen Anhäufung von Nervenzellen im Hirnstamm außer Kraft gesetzt“, so Oertel. Eine eindeutige Diagnose kann man im Schlaflabor vornehmen lassen. Dort werden alle Muskelaktivitäten während des Schlafens analysiert und ungewöhnliches Verhalten den Schlaf- und Traumphasen zugeordnet. Die RBD-Schlafstörung ist bisher nicht heilbar und kann, zum derzeitigen Forschungsstand, nicht aufgehalten werden. Oertel beruhigt aber und sagt: „Mit Medikamenten wie Clonazepam und Melatonin können Bewegungen im Traum jedoch unterdrückt werden und Partner sicherer schlafen.“

Durch die Verringerung des Dopamin-Spiegels, der im Lauf der Jahre durch die REM-Schlafstörung hervorgerufen wird, bricht schlussendlich Parkinson aus. Dopamin ist ein Botenstoff, der für die Weiterleitung der Befehle des Nervensystems an die Bewegungszentren im Gehirn zuständig ist und somit auch für die Muskulatur. Derzeit können Mediziner den Ausbruch der Krankheit nicht verhindern. Es gibt kein passendes Medikament, das die Dopaminzellen unterstützen könnte. Ärzte können die Symptome der RBD-Störung nur mit Benzodiazepin Clonazepam oder Melatonin behandeln. Oertel ist dennoch zuversichtlich, dass man mit den Betroffenen in der Zukunft einen Weg finden wird. „Letztlich wird es nur zusammen mit diesen Patienten gelingen, Medikamente oder andere Verfahren zu entwickeln, die das Auftreten der Parkinson Krankheit verhindern können.“

 

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