Nocebo-Effekt als Pendant zum Placebo-Effekt


Den Placebo-Effekt kennen viele. Den Nocebo-Effekt hingegen nicht. Der Nocebo-Effekt verhindert Therapieerfolge oder lässt sogar Krankheitssymptome entstehen. Deshalb ist es nicht für jeden Menschen unproblematisch, den Beipackzettel eines Arzneimittels zu lesen.

Worum handelt es sich bei diesem Effekt?

Ärzte sprechen von den Nocebo-Effekten, wenn sich Krankheitssymptome bei einem Menschen verschlimmern, da er eine negative Erwartung hat. Bereits das Lesen der Gebrauchsinformationen eines Medikamentes kann diese negativen Erwartungen auslösen. Deshalb ist diese Lektüre nicht für jeden unproblematisch. Einige Patienten fühlen sich durch die meist lange Liste der möglichen Nebenwirkungen eines Arzneimittels so sehr verunsichert, dass die Symptome wirklich eintreten. Ist das der Fall, spricht man von dem Nocebo-Effekt. Manche Patienten brechen sogar Therapien aufgrund des Nocebo-Effektes ab.

Sein positives Pendant ist der Placebo-Effekt. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um Tabletten, die ihren Zweck erfüllen, obwohl sie gar keinen Wirkstoff enthalten.

Unterschiede zwischen den beiden Effekten

Beide Begriffe stammen aus dem Lateinischen. Placebo bedeutet „Ich werde gefallen“. Dieser Effekt tritt ein, wenn ein Arzneimittel, dass gar keinen Wirkstoff enthält, dennoch hilft und Schmerzen lindert. Es ist sozusagen ein Scheinmedikament.

Das Wort Nocebo bedeutet „Ich werde schaden“. Hat also genau die gegenteilige Wirkung. Durch eine negative Erwartungshaltung reagiert der Körper negativ auf medizinische Behandlungen. Das kann aufgrund von Angst oder früheren negativen Erfahrungen passieren, erklärte die Ärztin Christiane Roick vom AOK-Bundesverband.

Die Psyche spielt eine wichtige Rolle

„Die Psyche ist derart mächtig, dass sie Beschwerden auslösen kann“, so der Psychiater und Hochschullehrer Professor Gerhard Gründer. Sozusagen unbeabsichtigte negative Suggestion oder selbsterfüllende Prophezeiung, die sich der Patient selbst einredet. Demnach ist die Psyche der Dreh- und Angelpunkt. Angenommen ein Patient ist fest davon überzeugt, dass ein Medikament bestimmte Nebenwirkungen auslösen wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es wirklich zu diesen Symptomen kommen wird. Wird in der Packungsbeilage beschrieben, dass es zu Migräne oder Rückenschmerzen kommen kann, stellt sich bei einigen Menschen solche Beschwerden tatsächlich ein.

Es kann aber auch in anderen Fällen dazu führen, dass sich Symptome verschlimmern. „Das kann sogar so weit gehen, dass Patienten angezeigte und für ihre Gesundheit wichtige Therapien nicht fortführen“, erklärt Roick.

Es gibt wissenschaftliche Belege

„Die Existenz von Nocebo-Effekten ist wissenschaftlich sehr gut belegt“, so Professorin Ulrike Bingel. Sie ist Hochschullehrerin an der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Essen. Sie gehört zudem zu einem Forscherteam, das sich mit den Placebo- und Nocebo-Effekten beschäftigt.

Der Nocebo-Effekt wird oft unterschätzt. Bingel verweist auf Studien, wonach die Bedeutung dieses Effektes für das Scheitern von medizinischen Behandlungen im klinischen Alltag oft unterschätzt wird.

In anderen Studien wurden Arzneimittel mit Placebos verglichen. Eine Gruppe erhielt ein Medikament mit Wirkstoff und die andere Gruppe ein Placebo, also ein Medikament ohne einen Wirkstoff. Die Teilnehmer wussten nicht, welche der beiden Tabletten sie erhalten haben. In diesen Studien finden sich erstaunlicherweise in der Placebogruppe oft ähnlich häufig Nebenwirkungen, wie in der Wirkstoffgruppe. Das weist klar auf den Nocebo-Effekt hin.

Bingel verweist auf Studien, wonach die Bedeutung von Nocebo-Effekten für das Scheitern von medizinischen Behandlungen im klinischen Alltag oft unterschätzt wird.

Man kann auf den Beipackzettel dennoch nicht verzichten

Dass man nun auf die Auflistung der Nebenwirkungen verzichtet, wird nie der Fall sein. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass diese Informationen einem Medikament beigelegt werden müssen. Das wollen Ärzte, Apotheker und auch Verbraucherschutz- und Patientenorganisationen ausdrücklich haben.

„Die Hinweise sind wichtig für die Abwägung von Nutzen und Risiken einer individuellen Therapie“, betont Siegfried Throm. Er ist Geschäftsführer Forschung beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA).

An eigener Erwartungshaltung arbeiten

„Nocebo-Effekte lassen sich nicht mit Sicherheit vermeiden“, erklärt Roick. Es kann jedoch hilfreich sein, dass die Patienten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die eigene Psyche einen Einfluss auf die medizinische Behandlung hat.

„Wenn ein Patient durch eine in der Packungsbeilage aufgezählte mögliche Nebenwirkung verunsichert ist, dann kann er beim Arzt oder Apotheker fragen, wie häufig überhaupt die negative Begleiterscheinung bislang aufgetreten ist“, versichert die Doris Wolf, Psychotherapeutin und Diplom-Psychologin.

Man sollte zudem abwiegen, wie häufig eine Nebenwirkung auftritt. Tritt sie bei 10 Patienten einmal auf, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst betroffen ist, gering. Zudem rät Gerhard Gründer, dass man Informationen aus unsicheren Quellen (beispielsweise Medien und Internet) zu hinterfragen.

„Prinzipiell ist es gut, wenn Menschen sich selbst informieren“, sagt Gründer. Jedoch sollten die gewonnenen Kenntnisse mit einem Fachmann besprochen werden. Jede Behandlung und Therapie ist individuell und wird auf den Patienten zugeschnitten, daher sollten die erworbenen Kenntnisse mit dem behandelten Arzt beurteilt werden.

Doris Wolf empfiehlt zusätzlich, dass sich die Patienten positiven Dingen zuwenden sollen. „Hilfreich kann auch sein, Berichte und Biografien von Menschen zu lesen, die die Krankheit überwunden haben“, ist sie überzeugt.

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