Lesen bei wenig Licht schlecht für die Augen: Nur ein populärer Irrtum


Dass Lesen bei schlechtem Licht den Augen schadet, hat fast jedes Kind schon einmal gehört. Doch dabei handelt es sich um einen populären Irrtum.

Auch heute noch verbieten viele Eltern ihren Sprösslingen das Lesen unter der Decke mit einer Taschenlampe. Als Argument wird meistens angeführt, dass sich das negativ auf die Sehkraft auswirken würde. Lesen bei wenig Licht strengt die Augen tatsächlich an und es kann zu schneller Ermüdung, Kopfschmerzen, Verspannungen oder brennenden Augen kommen. Nachteilige Auswirkungen auf das Sehvermögen hat das allerdings nicht.

Auf der Netzhaut der Augen befinden sich die sogenannten Stäbchen und Zapfen. Es handelt sich dabei um lichtempfindliche Sinneszellen, wobei die Zapfen für das Farbesehen verantwortlich sind. Aufgabe der Stäbchen ist hingegen, mit Hilfe des Sehpurpurs Rhodopsin das nächtliche Hell-Dunkel-Sehvermögen zu steuern.

Wenn nun Licht auf die Netzhaut fällt, zerfällt das Rohdopsin im Auge sehr schnell und die Empfindlichkeit der Stäbchen wird bedeutend verringert. Oft reicht schon ein kurzes Blinzeln aus, um diesen Effekt herbeizuführen.

Für die Augen anstrengend, aber nicht schädlich

Kommt es zu Kopfschmerzen beim Lesen unter schlechten Lichtverhältnissen, so ist das durchaus eine Reaktion des menschlichen Körpers auf die Anstrengung der Augen, eine nachhaltige Verschlechterung der Sehkraft kann deshalb allerdings nicht eintreten.

Der Chefarzt der Augenheilkunde im Helios Klinikum Erfurt, Prof. Dr. med. Marcus Blum, erläutert zu diesem Phänomen vor einiger Zeit: „Das entstehende Bild ist unterbelichtet und die Kontrastschärfe fehlt. Dadurch können die Augen schneller Ermüden. Aber es gibt keinen Zusammenhang zwischen Lesen bei dämmrigen Licht und einer möglichen Verschlechterung des Sehvermögens.“

Dr. med. Rüdiger Schwartz von der Klinik für Augenheilkunde am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf bestätigt, dass es für eine Verschlechterung der Sehleistung durch das Lesen bei schlechtem Licht keine wissenschaftlichen Belege gibt. „Mit Sicherheit nicht“, sagte er gegenüber der Online-Zeitschrift „Die Welt“.

Es müsse zwar hell genug sein, um die Buchstaben deutlich erkennen zu können, wie viel Licht dafür notwendig ist, sei aber individuell verschieden. Dr. Schwartz teilt die Meinung von Dr. Blum und führt aus: „Wenn das Licht nicht ausreicht, ist das Lesen anstrengender und die Augen ermüden schneller, aber Schaden nimmt das Auge in keinem Fall“.

Schlechtere Tiefenschärfe bei wenig Licht

Die Pupille wird bei Dunkelheit größer, was zu einer Verschlechterung der Tiefenschärfe führt. Deshalb ist das Lesen bei Dunkelheit anstrengender und erfordert höhere Konzentration. Tageslicht ist jedenfalls das optimale Licht für Lesebegeisterte. Leselampen sollte man so Anbringen, dass es nicht zu Reflektionen an der Seitenoberfläche des literarischen Werkes oder einer Zeitschrift kommt. Auf keinen Fall sollten die Lampen flimmern, dies wäre laut Dr. Schwartz wiederum ein zusätzlicher Reiz, der das Auge müde mache.

Der praktizierende Augenarzt Dr. Georg Eckert aus Ulm geht ebenfalls davon aus, dass man sich durch das Lesen bei schlechtem Licht oder zu geringem Leseabstand nicht die Augen verderben kann. Seiner Meinung nach hören die meisten Kinder von selbst auf zu lesen und schlafen einfach ein, wenn die Buchstaben verschwimmen oder undeutlich werden. Eckert weist allerdings darauf hin, dass sich bereits bestehende Sehfehler durch schlechtes Licht wesentlich stärker bemerkbar machen würden.

Schülern und Studenten sollten mehrere Stunden im Tageslicht verbringen, wird von Mainzer Wissenschaftlern empfohlen. Damit könne einer Kurzsichtigkeit vorgebeugt werden. Laut einer Studie hätten nämlich Studium und Anzahl der Schuljahre einen negativen Einfluss auf die Sehkraft der Augen.

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