Weniger Kaiserschnittgeburten durch Strafen


Der Kaiserschnitt ist für brasilianische Mütter zum Statussymbol geworden. Für die Krankenhäuser ein rentables Geschäft. Die Regierung will dem Trend nun mit Strafen entgegenwirken.

56 Prozent aller in Brasilien geborenen Kinder kommen durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. Das ist mehr, als in jedem anderen Land. In den Privatkliniken ist die Rate nochmals um vieles höher als in den öffentlichen Krankenhäusern. Dort liegt sie sogar bei 85 Prozent aller Geburten. In öffentlichen Kliniken bei 40 Prozent.

Zum Vergleich die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): demnach sollten nicht mehr als 10 bis 15 Prozent aller Geburten per Kaiserschnitt durchgeführt werden. Denn ein Kaiserschnitt ist nicht immer das Beste für Mutter und Kind.

Risiken sind zu wenig bekannt

Die Regierung will nun mit Strafen ein Umdenken herbeiführen. Seit Montag gilt ein neues Gesetz im bevölkerungsreichsten Land Südamerikas. Demnach müssen Ärzte und Krankenhäuser nun eindrücklich auf die Risiken, die eine Kaiserschnittgeburt mit sich bringt aufmerksam machen. Bisher war das nicht der Fall.

So gilt der Kaiserschnitt in Brasilien als die sicherste Art der Entbindung. Da er modern und sauber sei, sehen ihn viele Brasilianer als Statussymbol. Der Kaiserschnitt wird etwa mit kosmetischen Eingriffen wie einer Brustvergrößerung gleichgesetzt.

Bis zu € 7 300 Strafe

Ein Kaiserschnitt soll nun auch nur mehr straffrei sein, wenn er unbedingt nötig war. Dazu müssen die Entbindungsstationen spätestens zwei Wochen nach dem Eingriff die Gesundheitsbehörden informieren.

Sie legen den Behörden Dokumente vor, aus denen hervorgehen muss, dass der Eingriff unvermeidlich war. Sollte dem nicht so sein, so drohen empfindliche Strafen. Bis zu € 7 300 kann dies umgerechnet die Ärzte und Krankenhäuser kosten.

Auch Krankenkassen müssen mit derselben Strafhöhe rechnen, sollten sie trotz nicht ausreichender Dokumentation die Kosten für den Kaiserschnitt übernehmen.

Kaiserschnitt bringt höheres Todesrisiko

Die WHO rät zudem, dass ein Kaiserschnitt nur dann durchgeführt werden sollte, wenn eine erhebliche Gefahr für Mutter oder Kind oder beide bei einer natürlichen Geburt besteht.

Auch in Brasilien verlangen viele eine bessere Aufklärung um die „Kaiserschnitt-Epidemie“ einzudämmen. Frauen müssen besser informiert werden. So ist das Todesrisiko bei einem Kaiserschnitt für die Mutter dreimal so hoch als bei einer natürlichen Geburt. Für die Säuglinge ist die Gefahr einer Atemwegserkrankung deutlich höher.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass viele Geburten schon vor dem Einsetzen der Wehen begonnen werden. Viele Kaiserschnitte werden bereits in der 37. Und 38. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Deshalb müssen viele Neugeborenen die ersten Tage oder sogar Wochen im Brutkasten verbringen. Die wichtigste Mutter-Kind-Bindung findet aber genau in diesen Tagen statt, die die Kinder in den Armen ihrer Mütter verbringen sollten.

Kaiserschnitte sind sehr rentabel für Ärzte und Krankenhäuser

Der Grund für den hohen Anstieg von Kaiserschnittgeburten geht auf die 1970er Jahre zurück. Damals führte Brasilien die Regelung ein, dass bei jeder Geburt ein Arzt zusätzlich zur Hebamme anwesend sein muss. Da Ärzte für eine acht stündige natürliche Geburt genau dasselbe bezahlt bekommen wie für eine drei stündige Kaiserschnittgeburt, lohnen sich viele Kaiserschnitte für sie mehr.

Es fehlt an Erfahrung und Betten für natürliche Geburten

Durch den Rückgang der natürlichen Geburten fehlt vielen Ärzten außerdem auch die Erfahrung in diesem Bereich. Sie konnten dabei ja während ihrer Ausbildung auch nicht genügen assistieren.

Kritik an dem neuen Gesetz kommt von den Krankenhäusern. Man habe nicht genügend Betten für Wöchnerinnen. Die vorhandenen seien bei natürlichen Geburten länger belegt. Würden sich wieder mehr Frauen für die natürliche Geburt entscheiden, würde es zu einem erheblichen Engpass kommen.

Fachleute sind der Meinung, dass ein solcher Wandel aber noch länger dauern werde. Man beruft sich dafür auf Daten aus Europa, den USA und Kanada. Auch dort habe der gesellschaftliche Wandel hin zur natürlichen Geburt mit Unterstützung einer Hebamme nur langsam begonnen.

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