Innovation bringt weniger Stress für Patienten auf Intensivstation


Der Lärmpegel dem Patienten auf Intensivstationen ausgesetzt sind ist vergleichbar mit dem einer belebten Straßenkreuzung. Dass Lärm dem Menschen physisch wie psychisch schadet, ist Medizinern seit geraumer Zeit bewusst. Deshalb findet ein Umdenken hin zur Lärmreduktion auf Intensivstationen statt. Gelingen soll das mithilfe von „Adaptive Healing Rooms“.

Auf Intensivstationen herrscht ein 24-Stunden Dauerbetrieb. Die Ärzte sowie das Pflegepersonal versorgen und betreuen die Patienten rund um die Uhr. Hinzukommen das Piepsen, Rattern und Summen der zahlreichen Geräte, die für das Überleben der Patienten notwendig sind. Gemeinsam mit dem Ein-und Ausgehen des Pflegepersonals führt dies zu einem andauernden Lärmpegel, der auch in der Nacht nicht vollständig verstummt. Dadurch kommt es zu einer Störung des Schlaf-wach-Rhythmus und Stress. Der daraus entstehende Schlafmangel und die ständige Unruhe belasten den Körper. Die Heilung erfolgt folglich langsamer, es kann durchaus auch zu einer Verschlimmerung der Krankheitssymptome kommen. Ein neues Konzept soll dem nun entgegenwirken.

Mit innovativem Raumdesign zum Patientenwohl


Beim Konzept der „Adaptive Healing Rooms“ steht der Patient im Vordergrund. Sind herkömmliche Zimmer auf der Intensivstation ganz auf die möglichst praktische medizinische Versorgung ausgelegt, schaffen die neuen Designs ein angenehmes Ambiente für die Patienten. So sind die Räume statt in kahlem Weiß in Gelb- und Orange-Tönen gestaltet. Durch eine Lichtdecke ist es möglich, sowohl die Lichtintensität als auch die Lichttemperatur individuell einzustellen. Damit wird der Schlaf-wach-Rhythmus der Patienten unterstützt. Zusätzlich dazu hat das Licht eine bestimmte Wellenlänge, durch die Sonnenlicht simuliert wird. Eine Multimediainstallation macht das Abspielen von vertrauten Bildern, Fotos von Angehörigen oder auch Videos möglich. Dadurch soll den Patienten Orientierung, Ruhe und Sicherheit gegeben werden.

Die zweite Komponente der Rauminnovation besteht in der Reduktion der Geräuschkulisse. Ein intelligentes Alarmsystem soll dazu beitragen, dass unnötige Hinweistöne gefiltert werden und irrelevante Alarme die Patienten nicht mehr beunruhigen. Des Weiteren wird darauf geachtet Schläuche, Kabel und Anschlüsse für Sauerstoff, Medikamenten-Pumpe und Ähnliches nicht mehr in Sichtweite der Patienten zu lassen. Diese verschwinden hinter einer Wandvertäfelung.

Lärm als Stressfaktor


Studien, die auf Patientenbefragungen basieren, kommen zu dem Ergebnis, dass Lärm gemeinsam mit Schmerzen, Halluzinationen, medizinischen Tätigkeiten, Durst und Atemnot für Patienten die größten Störfaktoren darstellen. In puncto Lärm sind die unangenehmsten Lärmverursacher andere Patienten im selben Raum, Patiententransfers, Monitoralarme und Gespräche des Personals. Diese Geräuschkulisse schaukelt sich hoch und kann, laut Professor Uwe Janssens von der deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin, bis zu 85 Dezibel erreichen. Zum Vergleich: Straßenlärm kommt auf 70-80 Dezibel, ein startendes Flugzeug auf bis zu 130.

Eine länger andauernde Belastung  von 65 Dezibel aufwärts erhöht das Herzinfarkt Risiko, da der Körper mit Stress-Symptomen reagiert. Der Blutdruck steigt, Stresshormone werden ausgeschüttet und  der Herzschlag beschleunigt sich. In der Nacht reagiert der Körper besonders empfindlich. Bereits 40 Dezibel, also etwa die Hälfte der Lautstärke auf Intensivstationen, stören den Schlaf und schaden der Gesundheit. Dem soll nun mit „Adaptive Healing Rooms“ entgegengewirkt werden.

Pilotprojekte in Deutschland


Zwei Kliniken in Deutschland haben mittlerweile Projekte mit diesem neuen Konzept gestartet.

Bereits im Jahr 2013 hat das Universitätsklinikum Charité in Berlin zwei „Adaptive Healing Rooms“ mit insgesamt vier Betten eingerichtet. „Die Perspektive hat gewechselt – die Bedürfnisse des Patienten und sein Erleben stehen statt der Technik im Fokus.“, betont Professor Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité in einer Presseaussendung der Klinik. Intensivmediziner, Psychologen und Schlafforscher erforschten und beobachteten gemeinsam mit Architekten und Mediengestaltern für 18 Monate, welche Auswirkungen die neue Umgebung auf den Heilungsverlauf der Patienten hat.

Seit Juli 2015 ist auch das Universitätsklinikum Münster (UKM) im Besitz zweier „Adaptive Healing Rooms“. Man erhofft sich damit die Genesung lebensbedrohlich erkrankter Patienten besser unterstützen zu können. Die Klinik hat insgesamt 85 000 Euro in das Projekt investiert.

Unnötiger Luxus für Kranke?


Nicht ganz. Haupsächlich erwartet man sich die Reduktion möglicher Folgekomplikationen. „Uns geht es speziell um Patienten, die ein hohes Risiko tragen, ein Delir zu entwickeln“, sagt Professor Hugo Van Aken, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des UKM. Ein Delir ist eine psychische Störung und entsteht aufgrund der ständigen Unruhe und Geräuschkulisse der Intensivstation. Patienten verlieren die Fähigkeit angemessen auf ihre Umwelt zu reagieren. Sie sind durcheinander, perplex und orientierungslos. Professor van Aken schätzt 20 Prozent aller Patienten seien davon betroffen. Außerdem soll sich die Investition dadurch lohnen, dass Patienten weniger Zeit im teuren Intensivstationsbett verbringen.

Da die Anschaffung der „Adaptive Healing Rooms“ kostspielig ist und sich vor allem kleine Krankenhäuser eine solche Investition nicht leisten können, setzt man andere Maßnahmen um den Aufenthalt auf der Intensivstation für Patienten angenehmer zu machen.

Große Fenster und Natur


So erklärt Professor Bernd Böttiger, Direktor für Operative Intensivmedizin in Köln, man habe in den Zimmern große Fenster mit Blick auf Kirschbäume eingebaut. Das Personal wurde angewiesen, nachts mit Taschenlampen in die Zimmer zu gehen, um die Patienten nicht durch starkes Licht zu wecken. “So etwas wie in Münster haben wir aktuell nicht vor, aber das Ambiente ist natürlich für Patienten positiv oder negativ stimulierend. Auch Patienten ohne Bewusstsein bekommen alles mit. Das hat Auswirkungen auf die Entwicklung und Heilung”, sagt Böttiger.

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